Indonesien

 05.01.2015 - 10.10.2015

 GOLDRAUSCH

Ja ja, ich weiß! Mein letzter Bericht ist von Mitte letzten Jahres und damit schon wieder viel zu lange her. Zu meiner Verteidigung möchte ich aber erwähnen, dass ich seit dem fast 10 Monate in Europa war und demzufolge nur ein halbes Jahr auf meinem geliebten Boot genießen durfte. Zu diesem ungewöhnlich langen Aufenthalt kam es, weil ich sehr unangenehme, geschäftliche Dinge regeln musste. Das Positive aus dieser Zeit ist vor allem, dass ich nun wieder hier zurück auf meinem Boot bin und das mit voller Überzeugung! Oft merkt man erst die schönen Dinge im Leben, wenn man sie so richtig vermisst, aber dann empfindet man sie umso stärker, wenn man sie wieder hat. So erfreue ich mich schon an Kleinigkeiten, wenn ich zurück auf meinem Schiff bin. Kürzlich habe ich mir einen Drachen gekauft und fühle mich wie ein glückliches Kind, wenn ich ihn von der Moyo aus an meiner Angel steigen lasse.    

Selbst Tiere, die häufiger die Nähe meines Bötchen aufsuchen, bekommen Namen verpasst. So hieß der Gecko Charly und die Gottesanbeterin Luis. Die Wasserschlange, die an einem bestimmten Ankerplatz immer wieder eine Jagdpause an Bord einlegte, hieß Claudia. Nur die Fische, die ich hier meistens mit der Harpune erlege, erhalten keine Namen, bevor sie in der Pfanne landen. Lecker!

Das Angelglück hat allerdings nachgelassen, denn der ehemalige Überfluss an Fisch wurde zu stark reduziert. Nicht nur von den unzähligen Fischerbooten, sondern auch schon durch die Verschmutzung des Meeres. Ja, dieser sehr traurige Punkt muss leider auch erwähnt sein. Mir kommen manchmal die Tränen, wenn ich beim Segeln riesige Ansammlungen von Plastik antreffe. Das Angeln macht dann sowieso keinen Sinn mehr, da dank Plastik permanent die Angel anschlägt. Zwei Säcke voll gesammelter Müll ist der traurige Rekord eines halben Angeltages! Man kann behaupten, dass fast alle 250 Millionen Indonesier ihren Müll nicht naturgerecht entsorgen. Dieser landet zum großen Teil in Flüssen und rottet noch solange vor sich hin, bis im Oktober die ersten Schauer die Regensaison ankündigen. Dann sind die Flüsse wieder sauber, aber das Meer riecht zum Teil wie eine Müllhalde und sieht auch so aus. Rechnet das mal hoch!  250.000.000 x Tüten, Lebensmittelverpackungen, Taschen, Flaschen, Badelatschen, Kondome usw. usw. usw. Gesammelt in 5 Monaten Trockensaison und dann innerhalb eines Tages im Meer!??!

Auch hier wird man wohl erst die schönen Dinge vermissen, wenn sie nicht mehr da sind!!! 

Davon abgesehen hat Indonesien aber noch jede Menge Schönes zu bieten. Die erstaunlichsten Erlebnisse habe ich meistens dann, wenn ich offen für Neues durchs Land streiche und neugierig Einheimische anquatsche.

Einmal habe ich mit dem Fernglas blaue Zeltplanen in den Bergen erspäht. Dies kam mir ungewöhnlich vor und so habe ich mich auf den Weg gemacht. Ich staunte nicht schlecht, als man mir dort sagte, dass hier Gold abgebaut wird und verfiel auf der Stelle in einen GOLDRAUSCH! Da dort oben die Goldgräber nie interessierte Touristen zu Besuch haben, wurde ich extrem freundlich begrüßt und habe auch nicht lange gefackelt, als mich einer fragte, ob ich den Schacht nicht auch mal runter möchte. Andere beäugten mich zwar etwas kritisch, aber dann setzte man mir eine Stirnlampe auf und los ging`s.   

Ohhhh man!!! Die kritischen Blicke habe ich natürlich erst dann verstanden, als ich merkte, auf was für ein Abenteuer ich mich da wieder eingelassen hatte. Man beäugte mich wohl so, weil ich eigentlich viel zu groß und zu schwer war, um den 40 Meter senkrecht abfallenden Schacht an ein paar notdürftig zusammen gebastelten Bambusstäben runter zu krakseln. Meine Stirnlampe war bedenklich schwach und so konnte ich noch nicht mal richtig sehen, wie tief die Reise ging. Dem Goldrausch verfallen habe ich mich aber nicht mehr abbringen lassen wollen und bin so vorsichtig wie ich nur konnte das labile Bambusgerüst runter gehangelt. Eine Leiter gab es nicht und ich habe mich gefragt wie die kleinen Arbeiter es schafften, den nächsten Bambusstab zu erfassen, ohne meine Reichweite zu besitzen. Eine andere berechtigte Frage war, was wohl passieren würde, wenn unter meinem schwereren Gewicht das Gerüst einbricht? Klar, bei 40 Metern Aufpralltiefe kann man sich das schon denken! Zudem wurde es in der Tiefe merklich wärmer und stickig. Auch war alles nass und glitschig. Unten angekommen entfloh mir ein wahnwitziges Lachen, aber ich war noch nicht am Ziel, denn dann ging es weitere 30 Meter waagerecht im liegen durch den Stollen. Wie ein Wurm schlängelte ich mich durch den viel zu engen Tunnel. Ehrlich, ich stand kurz vor der Panik und habe zutiefst bereut nun in dieser misslichen Lage zu STECKEN. Rückwärts ging es ja irgendwann auch nicht mehr und so habe ich teilweise meine Arme nach vorne strecken müssen, um mich dann nur mit den Füßen durch noch engere Löcher zu drücken. Mit Adrenalin vollgepumpt kam ich dann endlich in den vielleicht 5 Meter langen und 1,5 Meter hohen Flöz. In diesem war ein winziger Arbeiter, der ca. 6 Stunden am Tag stur mit einem Hammer auf Gestein haut, um einen Sack voll Brocken ans Tageslicht zu befördern.

Ich fühlte mich nicht wohl. Auch hat sich der andere arme Teufel da unten vermutlich einfach nur geärgert, dass die knappe Luft, die durch einen kleinen Schlauch ins Innere gepresst wird, mit einem wild schnaufendem Ausländer geteilt werden musste. Ich verabschiedete mich schnell und auf dem Rückweg werde ich wohl auch das zweite Mal durch die Notdurft des Knirps gerobbt sein. Die Stirnlampe gab fast gänzlich ihren Geist auf und das Knirschen und Knacken des Bambusgerüsts ließ ein letztes Mal mein Blut in den Adern gefrieren. So war ich heilfroh, als ich nach diesem Unterfangen wieder das Tageslicht erblickte. Aber ehrlich!!! 

Mit gespannter Miene empfingen mich die Kumpels. Ihre Englischkenntnisse waren schwach, aber meine Aussage "It`s dangerous!" wurde mit viel Schulterklopfen honoriert. Als ich mich von der Goldmine wieder verzog, rief man mir noch lange lachend "It`s dangerous!" hinterher. 

Tage später erfuhr ich von den vielen Menschen, die jedes Jahr bei dieser Arbeit grausam ums Leben kommen. 10 waren es 2014 und in dem Stollen, in dem ich steckte, ist erst eine Woche vorher ein Kumpel an mangelndem Sauerstoff verreckt.

Viel Glück hatte ich auch, als ich in einen Verkehrsunfall verwickelt war. Mit so `nem kleinem Roller unterwegs in Indonesien kommt man sich vor wie unter Gesetzlosen. Ohne Regeln fädeln sich Unmengen von Fahrzeugen ins Straßengewirr ein. Irgendwie genieße ich dieses Chaos, denn ich empfinde die Freiheit wenig gemaßregelt zu werden. Es lebe die Anarchie! Nur der gesunde Menschenverstand sagt dir, wie weit du gehen kannst. Tja, Pech hat man natürlich dann, wenn der  Menschenverstand aussetzt. So wurde ich mit meinem Scooter volle Kanne von der Straße katapultiert. Ein anderer Rollerfahrer, mitsamt seiner Familie, hat mich schlicht übersehen und ist mir in die Seite gerauscht. Wie ein Wunder ist ihm, seiner Frau, den zwei jungen Kindern (habt ihr mitgezählt? 4! Ganz normal!) und mir körperlich nichts Schlimmes widerfahren, obwohl er wohl mit 70 km/h unterwegs war. Im Reflex hat er wohl noch sein Moped rumreißen können und so sind wir seitlich aneinander geprallt. Meine ganze rechte Seite tat zwar ein paar Tage ordentlich weh, aber es ist zu keinen Knochenbrüchen gekommen, noch habe ich zu viel Blut verloren. Viel wichtiger, den Kindern ist auch nichts passiert, obwohl sie wie Superman durch die Gegend flogen. 

Dass man hier als Ausländer in dieser Situation nicht die Polizei rufen bräuchte, hat man mir vorher schon geraten und so habe ich nichts weiter als seine Entschuldigung angenommen und mich bei meinem Schutzengel bedankt, der offensichtlich meine Reise begleitet.

Jetzt erzähle ich besser gar nicht mehr von den brenzligen Momenten, als zweimal die Mooringleine meines Liegeplatz nicht gehalten hat, sonst denkt ihr noch ich wäre lebensmüde. Bin ich nicht! Ganz im Gegenteil, denn ich kann für mich behaupten, meinen Traum sehr intensiv zu leben und bin der Überzeugung, dass ich nicht wirklich gefährlicher lebe, als die meisten Menschen, die sich jeden Tag durch den Straßenverkehr Europas bewegen müssen.

Natürlich habe ich auch schon mit meinem Katamaran einige der 1.700 Inseln erkundet. Eine davon hieß ebenfalls "Moyo". Insulaner kamen mit ihren Auslegern (traditionelle Fischerboote, die im wesentlichen aus einem ausgehölten Baumstamm und zwei zur Stabilisation benötigten Bambusstäben bestehen) angepaddelt und wir freuten uns über diese Gemeinsamkeit.

Ich besuchte auch entfernte Inseln, auf denen die meisten Dorfeinwohner noch nie einen Touristen gesehen haben. Zuerst sind es die Kinder, die ihre Hemmungen verlieren. Sie verfolgen einen auf Schritt und Tritt. Später kommen dann auch die Erwachsenen hinzu und man zieht wie der Rattenfänger von Hameln mit einer Traube von Menschen durchs Dorf. Junge Frauen winken freundlich aus den spärlichen Bambushütten und wenn man zurück grinst, dann flüchten sie schüchtern.

Erst wenn man mehrere Tage am gleichen Ort bleibt, normalisiert sich die Lage, so dass ich dann auch anfangen kann die Lebensgewohnheiten von diesen besonderen Menschen zu beobachten. Im allgemeinem kann man behaupten, dass Indonesier gewiss nicht faul sind. Natürlich kann man sich über die Effektivität unterhalten, aber kommt es denn wirklich darauf an? Man sieht in ausschließlich glückliche Gesichter. Kein Alkohol und keine Drogen. Jeder scheint hier seinen Platz gefunden zu haben. Die Gemeinschaft trägt sich selbst und es gibt keinen Neid auf Sachen, die es ja hier auch nicht gibt.

Eines Tages wurde ich in eine Schule eingeladen und da mir die kleinen Racker mit ihrer Unverblümtheit schnell ans Herz wachsen, nahm ich die Einladung an. Ey, ich wusste ja nicht, dass ich dort den Lehrer spielen sollte!!! So musste ich improvisieren und schnappte mir den Globus. Ich erzählte von den vielen Ländern, die ich bereist habe. Deutete mit dem Finger auf die entsprechende Stelle der Erdkugel und schrieb die Namen auf die Tafel. Bei den Weltmeeren hatte ich auch den letzten Bengel auf meiner Seite und der Unterricht fing an richtig Spaß zu machen. Während meines Englischunterrichts hoffte ich, dass auch der Lehrer gut zuhörte, denn seine Aussprache war fürchterlich. Jedes Kind brachte sich so gut es konnte ein. Die Streber saßen wie üblich vorne und notierten fast alles was ich sagte. Aus eigener Erfahrung wusste ich aber auch, dass man die Jungs in der hinteren Reihe motivieren konnte, was mir ohne Zweifel gelang.   

Was für eine Anblick! Ich da mit Kreide und Globus in der Hand, auf und ab marschierend und die Kinder an meinen Lippen klebend. Könnt ihr euch das vorstellen? Ich, der Antischüler!??! Nu, meine ehemaligen Lehrer können sich das gewiss nicht vorstellen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich zumindest an diesem Tag mehr vermitteln konnte, als es diese Betonköpfe je geschafft haben.  

Apropos "Betonkopf". Dies ist eines der ganz wenigen Schimpfwörter der Indonesier und zugleich sogar das Schlimmste! Man kann gar nicht genug betonen, wie freundlich die Menschen sind. Es liegt immer ein Lächeln auf dem Gesicht. Wenn ich da so an die todtraurigen Fratzen an einem Montagmorgen in Deutschland denke, dann kann der kulturelle Unterschied nicht größer sein. 

Der Glaube an den Islam ist hier nach meiner Ansicht fanatisch, aber er richtet sich gewiss nicht direkt gegen andere Menschen. Zum Beispiel sind diese "Tourette-Türme", die in einer Affenlautstärke zu allen Zeiten rumplärren und stark an eine Massenhirnwäsche erinnern, eine Zumutung.

Auf Bali (hier überwiegt der Hinduismus) gibt es extrem viele wunderschöne Tempel. Nicht weniger fanatisch dürfen dort trotz totalem Verkehrschaos keine Brücken gebaut werden, weil der Glaube besagt, dass niemand über einem anderen stehen darf.

Tja, andere Länder andere Sitten! Ich bin der Meinung, dass man all dies tolerieren sollte. Es zwingt mich ja keiner, andere Gegenden zu bereisen und gerade die Unterschiede machen das Leben erst interessant. Ich sauge diese Eindrücke auf jeden Fall voll auf und fühle mich hier super wohl!

 

In bester Laune

Euer Harald

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